Agadir, Ait Meloul, Inezgane

Ich sags euch, anstrengende zwei Tage liegen hinter uns. Nachdem wir gestern schon ohne große Erfolge nach Werkstätten Ausschau gehalten haben, sind unsere Reparaturbedürfnisse dann heute gestillt worden. Die Vertragswerkstätten waren keine große Hilfe. DAF betreut nur DAF-LKWs, Mercedes meinte, sie könnten das nicht machen und ich soll doch so fahren, perfekte Reparatur, blabla... MAN sagte: Prinzipiell kein Problem, sie haben aber viel zu tun und ich sollte doch am nächsten Morgen wiederkommen. Wir sind dann noch herumgefahren, auch nach Ait-Meloul, wo schraubertechnisch alles möglich sein soll – hatten aber keinen Erfolg. Eigentlich bin ich mir sicher, dass uns hier eine der unzähligen Schrauberbuden hätte helfen können, aber wie soll man genau diese Bude finden? Jede Werkstatt, in der man fragt, versucht einem natürlich die eigene Lösung aufzuschwatzen und entweder die Leute haben wirklich keine Ahnung, was ihre Nachbarn so treiben (sehr unwahrscheinlich) oder der Konkurrenzdruck untereinander ist so hoch, dass diese Informationen zurückgehalten werden, weil man dem Kollegen kein Geschäft gönnt... Frustrierend!

Nachmittags haben wir die Suche dann abgebrochen und uns eine kleines Fenster westlichen Kapitalismus gegönnt: Wir waren bei Marjane. Ich kann euch sagen, nach über einem Monat nur Souk, Gemüseständen am Straßenrand und kleinen Lebensmittelläden wird man vom Angebot eines riesigen Einkaufszentrums echt erschlagen und ist etwas überfordert.

Wenn dann aber die Erinnerung an die spezielleren (aber eigentlich ja unnötigen) Güter erwacht, schlägt die Laune schnell um und ehe man sich versieht, findet man sich in einer Situation wieder, in der man sich fragt, ob man wirklich grad soooooo viel Geld ausgegeben hat. ;)

Straßenhunderudel:

Am nächsten morgen gings dann in der festen Gewissheit, einen Termin zu haben, wieder zu MAN – So kann man sich irren. Der Pförtner wollte unser Auto nicht in die Halle lassen, also hab ich den Mechaniker gesucht, der mir am Vortag gesagt hat, wann ich wiederkommen soll. Der hat mir dann erklärt, dass er für sowas einen Fachmann hat und wollte sich gleich dran machen, meine Bremsleitung auszubauen – auf der Strasse...

 

Diese Vehaltensweise ist mir jetzt schon ein paarmal aufgefallen. Wenn es ein Problem gibt, wird nicht darüber nachgedacht, ob es eine Lösung dafür (Bördelgerät? Bremsflüssigkeit auftreibbar? Entlüften?) gibt, sondern erstmal losgelegt. Der Rest ergibt sich dann schon irgendwie. Da mir genau dieses Verhalten schon die „Reparatur“ in Tata eingebrockt hatte, hab ich den Mechaniker diesmal aber eingebremst und ihm klargemacht, dass ich ihm lieber zu dem „Spezialisten“ hinterherfahre.

Unsere Eskorte:

Das hab ich dann auch gemacht und wir fanden uns gut eine halbe Stunde später in Inezgane auf einem grossen Schotterplatz mitten im Ort wieder. Die Werkstatt des empfohlenen Mechanikers war in einer kleinen Seitengasse, in die der Mercur nicht reingepasst hätte, also sind wir erstmal zu Fuß hin. Eigentlich ist „Werkstatt“ auch ein wenig übertrieben, es war eher eine Art kleiner Laden, der bis unter die Decke mit allerlei unterschiedlichen Leitungen vollgestopft war, der Chef machte allerdings schon einen versierten Eindruck. Nach Schilderung meines Problems stellte sich heraus, dass man mir auch hier (in Ermangelung eines Bördelgeräts... ) keine neue feste Leitung bauen kann, er bot mir allerdings an, den problematischen Teil durch ein Stück Hochdruckschlauch (225bar) mit gepressten Verschraubungen zu ersetzen. Ich solle mir aber das alte Stück aufheben, weil eigentlich ist das ja eh noch gut. ;)

 

In Ermangelung an Alternativen und auch, weil mir die Lösung dann doch wesentlich besser gefiel, als die geflickte Leitung, hab ich zugesagt und wenige Minuten später war die Bremsleitung demontiert und die neue Leitung in Arbeit (natürlich nicht andersrum).

 

Während wir da so ohne Bremsleitung an der Hinterachse auf diesem großen Platz standen, passierte dann etwas, auf was ich gerne verzichtet hätte. Scheinbar hatten nämlich die Schüler einer nahen Schule Feierabend, so dass echte Unmengen (Wirklich! Viele!) Kinder über den Platz zogen, auf dem wir – mit offener Bremse – standen. Bald begannen sich auch die ersten Grüppchen vor unserem Auto zu sammeln, schließlich ist es nichts alltägliches, wenn da Touris mit so einem großen Auto rumstehen, besonders nicht, wenn auch noch ein Hund drinsitzt. Ich bin in solchen Situationen immer sehr freundlich, grüße die Kids, lächle und versuche, Fragen zu beantworten (Das Übliche: Woher? Wohin? Wie heisst der Hund?)... Auf die auch obligatorische Bettelei gehe ich aber nicht ein. Auch im kleinen Rahmen gibt es trotzdem in solchen Situationen öfter das typische „Verarschen“, das man auch gut von Halbstarken in der Heimat kennt. Das hier war aber anders, inzwischen hatte sich schon eine richtig große Traube um unser Auto gesammelt, während immer mehr auf den Platz strömten. Nicht nur, dass ich langsam echt durch die schiere Menge verunsichert wurde – inzwischen war der gesamte Platz voll von Augenpaaren,die auf uns gerichtet waren - es entwickelte sich auch eine seltsame Gruppendynamik... Die Menge wurde distanzloser und als ich ausgestiegen war, um den ersten Leuten, die an unserem Auto herumfummelten und -kletterten (immernoch freundlich aber wohl auch sichtlich verängstigt) mitzuteilen, dass ich das jetzt nicht so gut fand, trafen schon die ersten Steine unser Auto. Interessant zu sehen, wie ein fliegender Stein wohl in 20 Köpfen den Gedanken auslöst, dass das echt ne gute Idee ist. Keine Chance, in einer Menge von 4-500 Leuten festzustellen, wo das jetzt herkam... Hilflosigkeit!

 

Die ersten älteren Schüler versuchten, die Menge zu beruhigen und einige Steineschmeisser fingen sich Ohrfeigen ein. =/ Im nächsten Moment zog mich einer der Mechaniker aus meiner Menschentraube vom Platz und in eine Seitengasse, dabei kam uns der Rest der Mechanikertruppe – bewaffnet mit Eisenrohren und Leitungen entgegen. Kaum fünf Minuten später war das Gebrüll verstummt und der Platz geräumt, Julia und Tatra saßen in der Fahrerkabine, die von den Mechanikern „verteidigt“ wurde. So richtig gewaltsam wurde es Gott sei Dank nicht, die Kids ließen sich glücklicherweise sehr schnell durch die Autorität der Erwachsenen einschüchtern. Ich konnte eine derartige Autorität wohl nicht vermitteln.

 

Die Mechaniker schämten sich sichtlich, entschuldigten sich umständlich für die Situation (für die sie echt mal garnix konnten) und gaben Vollgas, um unser Auto wieder fahrbereit zu machen. Kaputtgegangen ist nichts, außer ein Stück meines Selbstbildes als Besucher dieses Landes. ;)

 

Im Anschluß durfte ich noch eine Erfahrung machen, die das alles wieder gutgemacht hat. Wir haben uns beim Leitungsspezialisten noch nach einem guten Schweißer erkundigt, der Radlauf und der Auspuff wollten ja auch noch repariert werden. Der Tipp war Gold wert, beide Baustellen sind echt zufriedenstellend beseitigt und wir wurden vom „Schmied“ zum Essen eingeladen.

...this is how i nearly started a riot – hatte ich mir auch immer anders vorgestellt. Man möge verzeihen, dass es keine Fotos gibt. ;)

Kommentare

Oh je.... schade, dass euch die Werkstätten nichts geholfen haben... :( das tut mir leid! Aber typisch Fachwerkstätten!
Wir hoffen, ihr habt euer Erlebnis schon halbwegs verarbeiten können? Ich finds schön, dass ihr darüber berichtet! ;) Solche Dinge passieren eben auch! Hatten auch grad ein paar erschreckende Dinge erlebt!
Jetzt wirds wirklich Zeit für ein Treffen - eine Flasche Rotwein wartet darauf, leer zu werden :) Solve your problems with alcohol!!! :D

Wir freuen uns schon sehr auf euch...

Achja, wir haben das Mauretanien VIsum bekommen - 1.1. - 31.1.2013 ;) Habt ihr schon Pläne diesbezüglich????

Kopf hoch und machts besser!

glg Carmen & Till

Heyhey,
keine Sorgen, bleibende psychische Schäden kann man glaub ich ausschliessen ;) Im Endeffekt warens halt "nur" Kinder, in der Situation selbst ist man dann aber trotzdem (oder erstrecht) überfordert.
Euer Visumsdatum ist absolut super, deckt sich ja auf den Tag genau mit unserem. Hab euch ne Mail bezüglich Treffen geschrieben.
Wir freuen uns!
Julia & Sebi